Nachbarn auf Zeit – 10 Tage Kreuzfahrt

Zehn Tage im Februar auf hoher See. Was im ersten Moment etwas abenteuerlich klingt war eine durchaus Interessante Erfahrung für mich.

Mein runder Geburtstag stand an, weg wollte ich sein, nicht im Lande, irgendwo weit weg. Eigentlich stand ja Kuba auf dem Plan und nachdem jeder zu mir meinte „Unter 3 Wochen macht das keinen Sinn“ haben wir eine Alternative gesucht und auf hoher See gefunden. Genauer gesagt, auf der „Mein Schiff Herz“ – früher bekannt als „Mein Schiff 2“.

Wir waren auch nicht allein mit der Idee, also tummelten sich zusätzlich zu den 800 Menschen der durchweg tollen Besatzung nochmal doppelt so viele Gäste an Bord. Von Mallorco nach Cadiz und wieder zurück.

Für mein Freundin und ich, beide absolute Profis im Mitmenschen studieren, waren die Decks ein Eldorado an Sozialstudien. Vielen unserer neuen Nachbarn sind wir häufig über den Weg gelaufen und manchen auch nur einmal und dieses eine Mal war dann auch einprägsam genug und hier Erwähnung zu finden.

Meistens stechen ja die ausgefallenen Menschen heraus bei solchen Erfahrungen. Angefangen haben dabei die beiden Damen, stets in Schwarz und Glitzer gekleidet und einem Haarkleid, wo jeder Friseur sagen würde, „Mensch, das schaut aber pfiffig aus!“ – Ihr wisst, was das heißt, oder?

Nicht weniger interessant, aber etwas unkreativer bei der Wahl der Haarpracht waren die nächsten beiden Damen, die sich stets in Haltung geübt haben. Wir haben selten jemanden so gerade sitzen sehen! Euer Orthopäde hätte seine helle Freude gehabt.

Zwei mal täglich hatten wir die Gelgenheit dem „Trio Mio“ in der Außenalster Bar zu lauschen. Smooth, jazzig, unterschwellige Hintergrundbeschallung. Entspannend und angenehm. Aber das Trio Mio war insgeheim ein Quartett! Der heimliche Star war unser „Fanboy!“ bei jedem Auftritt dabei! Stehende Ovationen! Beifall im Trommelfeuer Stil! Das waren seine Markenzeichen. Am letzte Abend wurde sein Traum endlich wahr… „Meet & Greet“ mit dem Trio. Schön wars. Für alle. Musiker, Fanboy und uns als Beobachter.

Apropos Außenalster Bar… Meinen imaginären Hut ziehe ich sehr gerne vor dem Zauberer am Wortspiel, welcher für die Benennung der Bars sein bestes gegeben hat…

  • Außenalster Bar
  • TUI Bar
  • Himmel & Meer Lounge
  • X-Lounge
  • Blaue Welt Apéro
  • langweilig? Jetzt kommt es:
  • Überschau Bar
  • Unverzicht Bar
  • Schau Bar
  • Unschlag Bar

Wir haben uns endlos viele weitere Namen einfallen lassen, wie wir eine Bar nennen könnten. Das war kaum noch Aushaltbar.

Unsere Highlights? Die Außenalster Bar mit schönem Außenbereich, einer chilligen Sessel- und Sofa Landschaft innen und mit einer sehr unterhaltsame Crew. Allem voran der stets gut gelaunte singende und pfeifende Kellner –
Mr. „check this out!“

Die Blaue Welt Apéro war wunderbar (nein, kein Wortspiel) um am späten Nachmittag abgeschieden das ein oder andere Buch zu verschlingen und am Abend weitere Persönlichkeiten zu sehen. Und natürlich einen unfassbar (okay, das war ein Wortspiel) guten Einblick in das Verhalten unserer Mitmenschen zu bekommen. Nur um festzustellen, dass man SO nicht werden möchte.

Wo ich gerade beim Verhalten von Mitmenschen bin, es war der erste Abend am 5 Gänge Menü. Wir wurden an einem Tisch mit sechs Plätzen positioniert. Die beiden Herren zur Rechten war sehr angenehme Zeitgenossen aber das Paar auf der anderen Tischseite war schon speziell… nach Spaß sahen die beiden nicht aus, auch wenn sie innerlich tobten! Ganz bestimmt. Sie konnten es nur nicht so zeigen 😉

Natürlich gab es auch eine Sache, die wir ganz sicher nicht an Bord machen wollten. Genau! Sport! Zum Glück gab es Zeitgenossen, die uns diese Arbeit abgenommen haben. Wir hatten kaum das Schiff betreten, schon war das Ergometer besetzt. Kann man machen… Aber der Radler war nicht allein, es wurde gejoggt auf dem oberen Deck und jeden Morgen drehte einsam eine Dame ihre Runden zu pochenden Beats und motivierendem Drill Instructor bei der Auqagymnastik. Das größte Mysterium für mich sind allerdings die Radlfahrer an Board: während das Schiff im Hafen liegt und man somit ein paar Meter weiter bestes Wetter und großartige Landschaften hat, wird mit dem Ergometer an Bord die Tour de France gewonnen.

Und dann trifft man noch an Board den Micha von „Randshop„. Okay, so einfach war es nicht. Ich bin ihm zwei mal über den Weg gelaufen und dachte mir die ganze Zeit „Das ist er doch!“ im dritten Anlauf hab ich ihn direkt erwischt und siehe da, er wars 😉 Die Welt ist eben einfach ein Dorf.

Beim Thema Dorf, fällt mir noch ein älteres Ehepaar ein. Wir haben die beiden immer beim Landausflug getroffen. Und warum Dorf? Die beiden kamen aus dem Nachbardorf aus meiner Heimat, keine 10 km entfernt. Am letzten Abend haben wir die beiden auch tatsächlich einmal an Bord getroffen. Mehr Dorf geht wirklich nicht!

Natürlich gibt es das ganze auch andersrum. Fast jeden Abend am Nachbartisch saß ein Paar aus Niedersachsen. Es war schon unser Running Gag 😉 Am letzten Morgen konnten wir dann auch gemeinsam frühstücken.

Und mein persönlicher Held war ein älterer Herr aus Sachsen, welcher seine letzten Jahre damit zubringt, die Welt zu umreisen und nicht zu Hause zu versauern. Welch großartiger Abschied vom Leben.

Ein großes Danke geht noch an die komplette Crew des Schiffes. Wir wurden immer freundlich und aufmerksam und unterhaltsam versorgt. Vielleicht lag es auch am „Wald rein und raus ruf“ Prinzip. Denn nicht jeder der Gäste war scheinbar im Wissen über die Existenz der Worte „Bitte“ und „Danke“. Über Respekt und Wertschätzung möchte ich gar nicht erst philosophieren.

Ich möchte euch auch nicht weiter strapazieren und noch schnell die anderen Highlights teilen. Da gab es die schrägsten Klamotten, ganz vorne dabei war der „Club der bunten Glitzerhüte“. Auf dem Schiff und an Land, immer leicht zu finden. Und natürlich darf auch der Klassiker nicht fehlen, mit Bademantel und „Adiletten“ am Buffet! Oh ja! Man muss es tragen können… er konnte es übrigens nicht.

Aufwühlende Szenen ähnlich einem Kriegsgebiet waren auch zu erkennen, als bei einem Gericht Zucker und Salz verwechselt wurde in der Küche. Was wurde da der Aufstand geprobt 🙂 Wunderschön.

Und ganz vorne dabei, an der „Frischer O-Saft“ Theke wurde der O-Saft frisch gepresst. Also man konnte zusehen, wie die Orange halbiert und von ihrem flüßigen Inhalt erleichtert wurde. Aber dennoch „Das ist kein Orangensaft!“ Ernsthaft? Was soll es sonst sein? Limette? Kokosnuss? Verrückt!

Und ganz nebenbei wurden unsere Nachbarn beim Abendessen zu Influencern und Foodbloggern, auch wenn es nur darum ging, die erwachsenen Kinder zu Hause damit aufzuziehen, was sie alles verpassen. „I like!“

Für mich ganz persönlich war es meine erste Reise dieser Art, zu der mich mein Schatz überzeugt hat. Eine unglaubliche Bereicherung. Wir haben viel gesehen in kurzer Zeit und die Seele konnte sich sehr gut erholen. Fast 4 Bücher in 10 Tagen. Da musste schon die Bordbibliothek herhalten, nachdem mir der Offline Lesestoff ausgegangen war. Über die größte Erleuchtung beim Lesen folgt bald ein weiterer Artikel.

Und der Tag des Abschieds war doch sehr mit gemischten Gefühlen verbunden. Es war nicht leicht, wieder in den Alltag zurück zu reisen. Arbeiten am nächsten Tag? Aber die Kollegen haben alles gegeben, damit man sich wieder wohlfühlt.

An Bord konnte man ein letztes Mal das typisch Deutsche Verhalten erkennen… Anstellen und Meckern. „Warum gibts denn die Plunderteilchen erst am letzten Tag?“ Mehr Hobbies braucht der Deutsche nicht. Und ich bin doch sehr froh, dass ich nicht ganz so typisch deutsch bin. Sondern einfach manchmal völlig neben der Norm und neben der Spur. Wie sagt mein Schatz so schön „Und das ist auch gut so!“

Zu guter Letzt gabs am Flughafen noch ein spontanes „Meet and Greet“ mit unserem Kapitän. Gebürtig aus Malta, hat er sein Zuhause in der Seefahrer Nation Österreich gefunden. Und sein Statement war einfach großartig. „Ich liebe die See, aber meine Frau noch mehr!“

Mit diesen Gedanken freue ich mich auf den nächsten Urlaub mit spannenden, interessant und ausgefallenen Menschen. Oder auch ganz ohne Menschen 🙂 Das steht noch nicht fest.

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